Zurück zum Werkbegriff
Wir gingen bisher aus von der Bezeichnung 'Werk'. Als Kunstwerk
erwarten wir ein von der Hand des Künstlers in einem edlen
Material
mittels
kunstfertiger Beherrschung von Werkzeugen und Verfahrensweisen hergestelltes
Produkt. Das scheint hier nicht der Fall zu sein. Der Text im Buch gibt
uns Aufschluß, daß Duchamp
"aus
der Industrieproduktion stammende Gebrauchsgegenstände"nahm.
Edles Material und kunstvolle Verarbeitung wollen wir nicht bestreiten,
wenn auch der Kenner Meissner- oder Nymphenburger Porzellans hier sicher
auf erhebliche Unterschiede aufmerksam machen würde. Mithin fehlt
zum 'Werk' nicht jede, aber ganz eindeutig eine wesentliche Bestimmung.
Das Urinoir ist nicht Duchamps Werk, sondern vielleicht ein Werkstück
von Villeroy & Boch oder einer anderen einschlägigen Firma.Welchen
Sinn kann es machen, wenn in unserem Schulbuch, wie auch in anderen einschlägigen
Texten, im Zusammenhang mit Duchamps Urinal von einem >Kunstwerk< gesprochen
wird? Ist Duchamps Werk die Erfindung eines neuen Namens für ein altbekanntes
Ding? Könnte er sich den Begriff Ready-made patentieren lassen, wie
Yves Klein seine blaue Farbe?
Eine Schöpfung?
Das Buch sagt, daß Duchamp Gegenstände
"durch
ihre Ausstellung zu Kunstwerken erklärte". Wenn das
Urinal denn ein Kunstwerk ist, so bedurfte es einer Erklärung, um
es dazu zu machen, und vermutlich gilt diese Erklärung nicht der Gattung
Urinal insgesamt, sondern dem Individuum, dem Duchamp als Zeichen seiner
Adelung und Weihe in einem Akt der Transsubstanziation (Geheimnis der Eucharistie,
Letztes Abendmahl) sein neues Ego, und als äußeres Zeichen,
ein Signet und einen Sockel verpaßt hat. Was wir an der Abbildung
nicht lesen konnten, ist in der Tat ein Signet von Duchamp und liest sich
"R.
Mutt 1917". Hätte er es nicht gekennzeichnet, so könnten
wir heute nicht sagen, welches Urinal nun das vermeintliche Kunstwerk ist
und welches nicht. Wir hätten möglicherweise ein gewöhnliches
Urinal für Duchamps Fountain gehalten.
Wir lernen daraus, daß wir unterscheiden müssen zwischen
Kunstwerken, die ein Künstler hergestellt hat, und solchen,
die er dazu ernannt hat. Wir müssen nun weiter fragen, ob wir
nicht bei unserer Beschreibung oben dem Charakter des Kunstwerks völlig
äußerlich geblieben sind. Wir haben das Objekt zwar beschrieben,
wie wir auch andere Werke der Kunst beschrieben haben, den Apoll vom Belvedere
oder den David von Michelangelo. Ganz offensichtlich sind es jedoch nach
Duchamp nicht die objektiven Eigenschaften des Werks, die es zum Kunstwerk
machen, sondern ein Status, der einem Objekt verliehen wird, vergleichbar
einem Rang, einer Auszeichnung, einer Ernennung, einer Beseelung, die das
Objekt in seinen materiellen Eigenschaften äußerlich unberührt
läßt, ihm aber eine andere Funktion und Sehweise zuweist.
Der Vergleich mit einer dienstlichen Beförderung reizt: Der
Schulleiter ernennt einen Oberstudienrat zum Seminarleiter. Dadurch verändert
dieser sich in der materiellen Substanz nicht, aber man betrachtet ihn
anders, richtet andere Erwartungen an ihn. Natürlich verändert
er sich nicht nur im Ansehen, sondern auch im Wert, was seine Frau am Gehaltszettel
spürt...Ein Schulleiter kann dieses tun, er hat dazu eine begrenzte
amtliche Befugnis, begrenzt deshalb, weil er nicht seinen Nachbarn, einen
patenten, gestandenen Mann und Skatbruder zum Seminarleiter ernennen könnte.
Ein Künstler jedoch hat kein Amt und keine Befugnis. Ein Uhrmacher
kann nicht einen Dosenöffner zur Taschenuhr erklären ohne ihm
ein Uhrwerk einzupflanzen. Hat Duchamp dem Urinal eine Kunstseele eingehaucht?
Wenn er dies je getan haben sollte, so ist es
doch in der Literatur über die Ready-mades nirgendwo als ein öffentliches
Ritual, etrwa als "Kunsttaufe" beschrieben, er müsste es also heimlich,
unter Ausschluss von Öffentlichkeit getan haben. Es bleibt aber in
diesem Zusammenhang die Frage: Woran erkennen dritte dieses durch eine
'Kunstseele' veredelte Ding, wenn die Veredelung nicht bezeugt, dokumentiert,
zertifiziert oder zumindest öffentlich behauptet worden wäre?
Wir kennen eine Klasse von Gegenständen, denen wir besonderen
Wert zumessen, weil sie uns erinnern an Personen oder Ereignisse, die uns
wichtig sind. Die Jeans von James Dean, ein Schweißtuch von Elvis,
das Kleid von Marilyn Monroe, in dem sie für Kennedy gesungen hat.
Dafür zahlen manche Leute viel Geld. Duchamp hat sein Urinal nicht
einmal benützt. Das kann es also auch nicht sein, daß er das
Ding durch Hinterlassen persönlicher Spuren des Gebrauchs veredelt
hätte, wie das z.B. auch für einige der Objekte von Beuys gilt,
die als Relikte von Happenings heute im Kunstmuseum bewahrt werden wie
Souvenirs.
Oder war Duchamps Einreichung der "Fountain" bei der Ausstellung der Indépendants
1917 ein Happening, und das eigentliche Kunstwerk ist nicht das
Urinal sondern war ein historisches Ereignis?
Duchamp signierte nicht mit seinem Namen. Die Differenz zwischen Mutt
und Mott vermag ich nicht aufzulösen, vielleicht war der Firmenstempel
schlecht lesbar oder es verbirgt sich hinter dem Buchstabentausch ein geistreiches
Wortspiel? Die Holländer sagen "ik mut", wenn sie mal müssen.
Duchamp hatte eine dokumentierte Vorliebe für solche Späße.
So übersetzt man seinen Begriff Ready-made auch mit dem phonetisch
gleichen ready maid = bereites Mädchen. Eine Signatur verlangt rechtlich
gesehen nach Eigenhändigkeit oder Autorisierung, sonst ist sie eine
Fälschung.
Duchamp benützte auch in anderen Fällen nicht seinen eigenen
Namen sondern erfand ein Pseudonym. Im wissenschaftlichen Bereich
würde man das, was Duchamp gemacht hat, als Plagiat bezeichnen.
Wenn einer ein Werk eines anderen für sein eigenes Werk erklärt,
ist das der Tatbestand des Plagiats. Das vermeidet man, indem man einen
anderen Urheber zitiert. Kann das Urinal als ein Zitat durchgehen,
etwa in dem Sinn, wie Manet in seinen "Frühstück im Grünen"
Raffael und Michelangelo zitiert hat?
Ein Objekt der Kunstgeschichte
In diesem Zusammenhang müssen wir der Bedeutung des Signets
nachgehen. Was sagt uns "R. Mutt 1917". Nerdinger sagt dazu, dies
sei "der Namen einer bekannten Sanitärfirma".
Warum signiert Duchamp mit dem Namen eines möglichen Herstellers?
Danto weiß es anders: Das Urinal sei "produziert
von einer Firma Mott Works" (Danto,
"Die Philosophische Entmündigung der Kunst", 1993, S.54) Danto
kann auch zum unterschiedlichen Aussehen der beiden Objekte etwas beitragen: "Tatsächlich
ging das Original verloren, doch Duchamp hat
(in den 60er
Jahren!) für die Janis Gallery noch ein
weiteres Urinal gekauft und ein drittes für die Galleria Schwartz
in Mailand, und später hat er dann sogar eine Auflage von acht Exemplaren
nummeriert und signiert, als handelte es sich um eine limitierte Auflage
von einem Kupferstich"...Ganz offensichtlich kam es ihm
dabei nicht auf gleiches Aussehen an, vielleicht nicht einmal auf die gleiche
Herstellerfirma, möglicherweise hat er die Waren auch gar nicht mehr
selbst im Warenhaus erstanden, weil das Schleppen so eines schweren Teils
im Einkaufsnetz für einen 77jährigen nicht mehr so einfach gewesen
sein dürfte. Entscheidend scheint die Tatsache zu sein, daß
man es als Urinal erkennt, als ein Behältnis zum Auffangen männlicher
Notdurft, und daß die Signatur R. Mutt 1917 darauf an ein historisches
Ereignis erinnert, das für die Kunstwelt von 1964 an Bedeutung gewonnen
hat. Die Repliken behoben sozusagen notdürftig eine kunsthistorische
/ museale Leerstelle in Ermangelung des Originals. Das in München
gezeigte Exemplar stammt aus Stockholm, und es sieht an den Rohrstutzen
gebraucht aus. Vielleicht kommt es gar nicht aus dem Kaufhaus. Das individuelle
Objekt versteckt sich hinter einer historischen Maske. Wir benützen
es um des historischen Objekts wegen.
Das Objekt "Fountain" entstand 1917 für die "I. Ausstellung der
Indépendants" in New York, deshalb auch die englische Schreibweise.
Duchamp war bereits 1913 zum Star der 'Armory Show' in New York aufgestiegen
mit seiner Malerei "Akt eine Treppe herabsteigend". Dasselbe Bild, das
in Amerika zum kubistischen Paradesück wurde, zog er in Paris von
der gemeinsamen Ausstellung der Kubisten zurück, nachdem einige der
maßgeblichen Veranstalter insbesondere im Titel des Bildes eine futuristische
Verspottung kubistischer Ideen beanstandet hatten. Für die Ausstellung
der Unabhängigen in New York war Duchamp für eine Aufnahmegebür
von 1$ und einem Jahresbeitrag von 5$ Mitglied der 'Society od independent
Artists' geworden und in den Vorstand gekommen. Ziel der Gemeinschaft war
eine jährliche Ausstellung für die Mitglieder, die ohne Jurierung
zwei Arbeiten ausstellen konnten.
Genau an dieser Stelle erweist sich die Rede, Duchamp hätte Fountain
"durch
Ausstellung zum Kunstwerk erklärt"
als
sehr verkürzte und irreführende Aussage. Im Grund war der Verzicht
der Society of Independents auf eine Jurierung der Einreichungen
zur Ausstellung die Voraussetzung dafür, für einen Betrag von
6 Dollar zwei beliebige Objekte einzureichen, gleichzeitig der Verzicht
darauf Kunstwerke von Nichtkunst zu unterscheiden. Duchamp hat nichts weiter
getan als alle anderen 1200 (!) Einreicher zur Ausstellung. Auch sie mussten
keine Zauberformel über ihren Werken sprechen um sie Ausstellungswürdig
zu machen, und allen Berichten nach war die Exhibition ein erwartungsgemäßes
buntes Sammelsurium. Man könnte also auch sagen, die Society hat ihre
Mitglieder dazu autorisiert, gegen Zahlung von 6 Dollar zwei beliebige
Dinge zu Kunstwerken zu erklären.
Nerdinger schreibt:"Duchamp...
stellte sein Readymade "Springbrunnen" 1917 in New York aus." ...."Er löste
damit einen Sturm der Entrüstung aus."(Perspektiven
der Kunst S.277). Auch hier verkürzt die Darstellung und erweckt
falsche Vorstellungen. Duchamp, so schreibt Tomkins (s.u. Literatur), ließ
das Objekt von einer Freundin am Grand Central Palace, dem Ort der Ausstellung,
anliefern. Aber aus verschiedenen Quellen geht hervor, dass es letztlich
in der Ausstellung nicht zu finden war. Die "Entrüstung"
hatte demnach verschiedene Dimensionen: Eine öffentliche
Entrüstung des Ausstellungspublikums
über ein als Kunst deklariertes Sanitärobjekt fand nicht statt,
weil das Objekt nicht ausgestellt wurde und auch nicht im Katalog vermerkt
war, also auch nicht vermisst werden konnte. Duchamp selbst spielte
den Entrüsteten, weil die Syciety
sich nicht an ihre eigenen Regeln hielt und plötzlich vorgab, was
ausgestellt werden konnte und was nicht. Einige für die Hängung
verantworetliche Mitglieder der Society waren möglicherweise in ihrer
Künstlerehre
getroffen und entrüstet über
die Zumutung an sie, ein "Badezimmerzubehör" neben Objekten der Malerei
und Skulptur in einer erklärten Kunstausstellung präsentieren
zu sollen. Wenn jemand Witze über mich macht, dann finde ich das auch
selten lustig. Die Zeitschrift 'The Blind Man' gab sich in ihrer
zweiten und letzten (!) Nummer empört über den Fall und pochte
auf die Regularien der Teilnahme: "They
say any artist paying six dollars may exhibit."
Mit dem Pseudonym R. Mutt verschleierte Duchamp seine 'Autorenschaft'.
Jedenfalls war "Fountain" in der Ausstellung nicht zu sehen und auch im
dazu erschienenen Katalog nicht erwähnt. Um diese Tatsache herum wurden
durch den Freundeskreis Duchamps unterschiedlichste Gerüchte in die
Welt gesetzt, aus denen die Kunstgeschichte die Legende eines 'Skandals'
gesponnen hat. Duchamp nahm den Verstoss gegen die Regeln der Independents
ostentativ zum Anlass, seinen Austritt aus der Society zu erklären.
Zum "Fall" wurde die Angelegenheit erst durch eine Zeitschrift "The Blind
Man", die von Duchamps Freunden herausgegeben wurde und in der man die
von Stieglitz gemachte Fotografie (s.o.) veröffentlichte.
Das Urinal teilt mit anderen Ready-mades ein gemeinsames Schicksal,
den Verlust des 'Originals'. Die Objekte waren als Provokation und Antikunst
gedacht. Aussteller und Käufer fanden sich zunächst ganz offensichtlich
nicht, und so sind sie wohl allesamt einer Aufräumaktion zum Opfer
gefallen und beim Sperrmüll gelandet, oder sie wurden von einem praktisch
denkenden Amerikaner einer nützlichen Bestimmung zugeführt. Art-Recycling?
Duchamp selbst spricht nicht von Kunstwerken, sondern nennt sie "diese
Art von Manifestation" und "Ready-made",
was soviel heißt wie 'gebrauchsfertig'.
Duchamp wird mit "dieser
Art von Manifestation" zu einem Anführer der Antibewegung, die
unter dem Namen New York - Dada in die Kunstgeschichte eingegangen
ist. Dada blieb bis in die 50er Jahre eine von der Kunstgeschichte wenig
ernst genommene Protestbewegung im Umfeld des ersten Weltkriegs und am
Rande des Expressionismus. Erst die amerikanische Popart hat Dada in den
60er Jahren aus der Versenkung geholt und als ihre eigene Legitimation
philosophisch und kunsttheoretisch ins Spiel gebracht.
Duchamps Aktion gegen die Kunst im Jahr 1917, von der das Urinal
ein gegenständliches Bestandteil war, ist kein Kunstwerk im traditionellen
Sinn, aber sie ist zum Gegenstand von Kunstgeschichte in zahllosen
Texten und in der Abbildung von Stieglitz geworden. Die Repliken
stellen Illustrationen einer Kunsttheorie dar, die sich nicht mehr
in Werken darstellen kann, sondern die in Texten, Gesten, Aktionen repräsentiert
wird und sich in Objekten illustriert. Für Viele scheint dies keinen
Unterschied zu machen zum Begriff des Kunstwerks. Sie tun damit sowohl
den alten Meistern unrecht, als sie auch Duchamps witzige, geistreiche
und äußerst folgenreiche Provokation mißverstehen.
Duchamps Beispiel hat gezeigt, daß ein Ding Gegenstand von Kunstgeschichte
und Objekt in Kunstmuseen und Kunstausstellungen sein kann, ohne daß
es ein Kunstwerk ist. Protest gegen den Kunstbetrieb und Provokation unter
dem Deckmantel von Kunst jedoch wurden als künstlerische Gesten
salonfähig und schauen in den Museen der westlichen Welt in tausenderlei
Gestalt von ihren Sockeln und Rahmen auf das Kunstpublikum herab, manchmal
geistreich, hintersinnig und witzig, oft auch etwas hohl. Das eigentliche
Problem für das Ansehen der Kunst, der Kunstschriftstellerei und auch
der Kunsterziehung sehe ich in der Schwierigkeit der Unterscheidung, Würdigung
und Bewertung solcher Vorgänge und Begriffe.
Eine künstlerische Technik, Praktik, Methode?
"Stellen Sie selbst ein Objekt her, indem
Sie alltägliche Dinge in neue Zusammenhänge bringen wie Marcel
Duchamp oder einer neuen Verwendung zuführen wie Pablo Picasso."("Praktiken
der modernen Kunst", Kirschenmann/Schulz, 1996, S.55)
"Verbinden Sie Alltagsgegenstände zu
Ready-mades." (Grundkurs
Kunst, Klant/Walch S.166)
In der Fachdidaktik ist die Vorstellung verbreitet, daß aus der
Nachahmung derartiger Praktiken ein pädagogischer Nutzen gezogen werden
könnte. Ich habe da so meine Zweifel. Ich würde jedenfalls die
Erfindung, Auswahl, Montage, Kombination etc. nicht ohne die interpretatorische
Begleitmusik akzeptieren wollen. "Erfinden Sie einen Titel" wäre mir
zu wenig. Aber: Jedes Ding läßt sich prinzipiell 'wie ein Kunstwerk'
betrachten und beschreiben. Das eröffnet einer ernsthaften, spekulativen
oder ironischen Interpretation zahlreiche Möglichkeiten und ist sprachlich
eine Reflexionsform kunstschriftstellerischen Sprachgebrauchs, die zeigen
könnte, ob ein Schüler die Phrasierungen einschlägiger Texte
in Bezug auf ihren Gehalt oder ihre Hohlform durchschauen kann. Ein solcher
Text könnte mit Bildern bestückt werden, die den jeweiligen Gehalt
einer Aussage sichtbar machen.
Duchamp ist der
erste einer ganzen Reihe von Künstlern, die einen nicht handwerklichen
aber methodischen Weg zur Kunst an ihre Person binden und dafür einen
Handelsnamen erfinden: "Ready-made". Mir ist nicht bekannt, daß ein
anderer Künstler diesen Begriff für seine Hervorbringungen verwendet
hätte außer im Sinn eines Zitats von Duchamp. Ready-made begründet
keinen Stil etwa im Sinn des Impressionismus, daß eine ganze Generation
von Künstlern nun in Kaufhäusern nach möglichst kunstfernen
Dingen Ausschau halten würde, um ihnen einen Namen und ein Signet
zu verpassen und damit die Museen zu verstopfen. Ready-made ist eine Art
brand(engl), ein Markenzeichen jenseits eines Stils, das sich Künstler
zulegen, um einen Wiedererkennungswert in der Kunstwelt zu erreichen.
Dali erfand die paranoisch-kritische Methode, Max Ernst glaubt, die Frottage
erfunden zu haben. Lichtenstein malt im Stil von Comics, Segal gipst Leute
ein, Ücker nagelt, Arman stopft Vitrinen mit gleichartigen Sammelstücken
voll. Und das tun sie, bis jeder Sammler so ein unverkennbares, originales
Objekt erworben hat und einen typischen Lichtenstein, Segal, Ücker,
Arman, etc sein Eigen nennt. Es macht sammlerisch keinen Sinn ein Urinal
zu besitzen, das irgendein XY mit den Buchstaben MUTT beschrieben hat.
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