| Seminar Gymnasialfach Kunsterziehung Fachgebiete der Kunsterziehung |
| Raumdarstellung
in der Zeichnung von Schülern von Uli Schuster |
| Es gibt in der Kunsterziehung wenige Bereiche, über die in der Geschichte der Kunsterziehung so viel nachgedacht wurde, wie über die Kinderzeichnung. Und in diesem Komplex spielt die Entwicklung der räumlichen Darstellung eine erhebliche Rolle. Das liegt vielleicht daran, daß man in der Kunst mit der Perspektive seit Jahrhunderten über ein Verfahren verfügt, das rational, meßbar, in Bestandteile zerlegbar und in seinem historischen Entstehungsprozeß, seinen Vorformen innerhalb der Kunstgeschichte gut erkundet ist. Das macht parallele Beobachtungen, Analogien zur Entwicklung der Kinderzeichnung, relativ leicht. |
| Warum soll das Kind die Fähigkeit zur räumlichen Darstellung entwickeln? |
Offenbar hängt
die Fähigkeit zur räumlichen Wahrnehmung, Bewegung und Orientierung
im Raum nicht unmittelbar zusammen mit der Fähigkeit der zeichnerischen
Darstellung. Ein erheblicher Teil der Bildenden Kunst unserer Gegenwart
verzichtet zudem ganz bewußt auf die Verfahren der illusionistischen
Raumdarstellung, darüber hinaus gab und gibt es in der Kunstpädagogik
Richtungen, die in einer Förderung realistischer Abbildungsinteressen
im Jugendalter einen verhängnisvollen Irrweg sehen, der das Kind vom
spontanen und ausdrucksbetonten Darstellen wegführt und nur einer
kopflastigen und emotions- und kunstfeindlichen Rationalität Vorschub
leistet. Sollen wir heute in der Kunsterziehung diesem Weg folgen?
links die Zeichnung meiner dreijährigen Tochter. Die Mutter hat notiert, was sie dazu sagt: "Ein Mund mit Zähnen". Wenn man's weiß, dann sieht man's. Für mich liegt der Wert einer Ausbildung der Fähigkeit zu
räumlich-illusionistischer Darstellung darin, daß diese nicht
nur Ausdruck innerer Vorgänge, sondern eine Methode bildhaft-symbolischer
und damit geistiger Aneignung unserer gegenständlichen Umwelt
ist, und die Kommunikation über diese Welt der Gegenstände ermöglicht.
Aber die Zeichnung ist nicht die einzige Möglichkeit, sich die die
Welt der Dinge bildhaft und damit symbolisch anzueignen, auch fotografie
und Film leisten das und schließlich ist auch schon das Schauen,
Betrachten und Benennen und Beschreiben eine Methode der Vergewisserung
von der Welt der Dinge, so daß man sagen kann: Sicher braucht nicht
jeder Mensch alle diese Fähigkeiten im gleichen Maß, und sicher
werden immer nur wenige ihre Anlagen bis zu einer gehobenen Fertigkeit
ausbilden können und wollen.
Die wichtigste Erkenntnis der letzten Jahrzehnte psychologischer Erforschung des Denkens scheint mir die Erkenntnis über die enge Verknüpfung von Denkabstraktion, Handeln und Realabstraktion zu sein: Abstraktionen sind keine Hirngespinste, sondern unser reales Verhalten zu bestimmten Dingen ist von Abstraktionen geprägt. Und hier scheint das Greifen, Bauen, Zeichnen und alle Formen spielerischen Tuns eine wesentliche Grundlage für die Ausbildung von Phantasie, Vorstellung und letztlich auch von Begreifen darzustellen. Die raum-zeitlichen Dimensionen des Tuns und Handelns bilden sich in Strukturen des Denkens, der Sprache und auch der bildnerischen Gestaltung ab. |
| Entwicklung der Raumdarstellung |
Kinder scheinen
das Zeichenpapier zunächst einmal für das zu nehmen, was es ist:
eine
Oberfläche. Sie entwickeln die Fähigkeit, die Spuren,
die sie hinterlassen, auf der Fläche gezielt anzuordnen, einander
zuzuordnen und damit zu organisieren. Damit legen die Spuren Zeugnis ab
von Handlungen und deren Absichten. Das Kind lernt, die Spuren selbst formbildend
zu lenken und entdeckt, daß die Formen mit symbolhafter Bedeutung
belegt werden können und von anderen gelesen werden können. Gleichrangig
wie das Zeichen- und Malpapier sind der Tisch, die Tapeten des Wohnzimmers,
Hände und eigenes Gesicht. Spuren kann man fast überall hinterlassen,
aber es erstaunt, daß man für das eine gelobt, aber für
das andere geschimpft wird. Auch wenn das Kind sich im Babyalter seinen
Umraum längst mit Augen, Händen und Beinen erschließt,
zeigt es noch kaum Sinn für eine illusoinistische Sicht vom
Zeichenpapier. Das Übereinanderlegen von Spuren, die sich dann verdecken
und auslöschen, ist in der Kritzelphase vielleicht die erste Entdeckung,
die in dieser Richtung gemacht wird, und die das Kind zielstrebig und lustvoll
entwickelt. Die eigene Spur deckt zu, was da vorher vorhanden war.
In der streifenweisen Schichtung von unten nach oben entwickeln die meisten Kinder während der Grundschulzeit eine erste Lösung für die Darstellung von Vorne und Hinten. Die Mehransichtigkeit von Objekten wird durch simultane Darstellung erzeugt. Zur selben Zeit suchen manche Kinder durch die bewußte Wahl extremer Ansichten, z.B. auch der Draufsicht, ihre räumlichen Probleme zu lösen. Diese liegen m.E. in dem Bedürfnis, Aktion und Handlung, also zeitliche Ereignisse darzustellen. Weit verbreitet ist in dieser Phase auch bereits die Fähigkeit, unterschiedliche Raumrichtungen simultan darzustellen, was bei Quaderförmigen Körpern zu einer Art Parallelperspektive führt. In den meisten Fällen geht diese Fähigkeit wohl auf die Übernahme von Lösungen zurück, die von Lehrern oder Erwachsenen angeboten wurden, oder aus zeichnerischen Vorlagen entnommen sind. Die Psychologie der Kinderzeichnung hat lange Zeit darauf vertraut, daß sich das bildnerische Vermögen im Kind quasi von selbst ausbildet, und das ist nur zum Teil richtig. Auch das Sprechen lernt man von selbst, aber in der Sprachkultur, die ein Kind entwickelt, im Wortschatz, Satzbau etc., spiegeln sich die Vorbilder der Eltern und anderen Gesprächspartner bis hin zur sozialen Schicht, in der das Kind aufwächst. Das ist mit Bildern nicht anders. |
| Raumdarstellung in der gymnasialen Unterstufe |
| Dies etwa ist der Stand der Entwicklung, wenn Kinder ins Gymnasium
Überwechseln. Schon in diesem Alter ist es eigentlich müßig,
darüber nachzudenken, wie sich das Kind von alleine weiterentwickeln
würde. Die gymnasiale Kunsterziehung muß sich vielmehr fragen,
in
welchen Schritten sie dem Jugendlichen einen weiteren Ausbau seiner Fähigkeiten
anbieten soll, und inwiefern sie damit rechnen kann, daß der
Schüler solch ein Angebot verarbeiten kann. Ich spreche deshalb
gezielt von Schülerzeichnung, während der Begriff "Kinderzeichnung"
ein Tun unterstellt, das frei ist von erzieherischen Einflüssen.
Ein zweiter Gesichtspunkt, der zur Raumdarstellung in dieser Altersstufe führen soll, ist für mich das Thematisieren von Handlung. Situationen und Handlungsabläufe machen bei ihrer bildlichen Darstellung ein hohes Maß an kompositorischer Organisation der Bildfläche notwendig. Auch die Arbeit an einer Zeichnung oder einem Werkstück, allein oder zu mehreren, ist ein Handlungsablauf, der im Alter von 10 Jahren ein erhebliches Maß an räumlicher und zeitlicher Organisation bedarf. Hier muß der Lehrer von der Aufgabenstellung her die Möglichkeit schaffen, daß sich die Kinder auch in ihrer Arbeitsrealität mit den Elementen Raum, Zeit und Handlung auseinandersetzen können. In vielen Fällen wird man feststellen können, wie die realen Auseinandersetzungen in der Gruppe oder in der Klasse symbolhaft in die abgebildete Realität hineinragen. Die Arbeit an einem gemeinsamen großen Bildformat, das Aneinanderhängen von zwei Zeichenblättern, das arbeitsteilige Erstellen eines Werkstücks sind wichtige Organisationsformen der Unterrichtsarbeit in dieser Altersgruppe.
Für die Organisation der Unterrichtsarbeit gilt in verstärktem Maß die Forderung, die Schüler an der Verantwortung über die räumlich-zeitliche Struktur des Unterrichts zu beteiligen. Bauaufgaben stellen einen geschlossenen Weg von der zeichnerischen Planung zur räumlichen Umsetzung dar. Hier lassen sich gezielte Rollenspiele inszenieren. Bauherr, Architekt, Stadtplaner, Bürgermeister lassen sich als Rollen besetzen.
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| Raumdarstellung in der gymnasialen Mittelstufe |
In der Mittelstufe entsteht ein Auge für Licht und Schatten.
Dazu gibt es in diesem Kapitel einen eigenen Text "Das
Helldunkel in der Schülerzeichnung". Der Zusammenhang von Profil-
und Frontalansicht z.B. beim Portrait läßt sich thematisieren.
Die Zentralperspektivischen Elemente Horizont, Fluchtlinien,
Fluchtpunkt
bedürfen einer Erklärung. Hier kommt der Schulung der Lesefähigkeit
von Bildern wie auch dem "Zeichnen nach der Natur" eine wichtige
Aufgabe zu. Konstruierter Raum und Landschaftsdarstellung können zueinander
in Spannung und Widerspruch treten. Die Abhängigkeit der Objektansicht
vom Standort und der Bewegung des Betrachters im Raum wird nun bewußter
wahrgenommen. Die Einheit von Raum und Zeit und der mechanische
Charakter der zentralen Projektion kann mit Hilfe der Fotografie verdeutlicht
werden. Der Bau einer Camera Obscura und das erste Foto mit Hilfe
einer Schuhschachtel legt den Zauber des fotografischen Bildes in die Hand
des Schülers.
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| Raumdarstellung in der gymnasialen Oberstufe |
Mit 16-17 Jahren
sind gymnasiale Schüler so weit das System der zentralen Projektion
zu verstehen. Einmal in ihrer schulischen Laufbahn sollten sie in das Wahrnehmungsmodell
der Zentralperspektive vertieft eindringen, sich einen Begriff vom "Augpunkt"
und "Horizont" machen, das System in Grundriß, Aufriß und Seitenriß
verstehen, die Zusammenhänge begreifen. Je nachdem wie die Schüler
das aufnehmen, und manche Klassen sind dafür echt zu interessieren,
kann man komplexere Architekturrekonstruktionen zeichnen lassen ohne daß
dabei die Phantasie und ein spielerisches Element zu kurz kommen
müssen.
Im Leistungskurs stelle ich in den letzten Jahren ein zunehmendes Desinteresse an der Perspektive und ihren konstruktiven Grundlagen fest. Einerseits scheuen viele die Komplikationen einer rationalen und konstruktiven Herangehensweise an das Gestalten, andererseits mögen den Schülern die Diskontinuitäten im modernen Raum-Zeit-Erlebnisses, die letztlich in der Bildenden Kunst zu einer Abkehr von der Perspektive geführt haben, mit der Muttermilch eingegeben worden sein. Beim
modernen Menschen tritt die eigene Wahrnehmung des Raumes und der natürlichen
Dinge zurück gegenüber der Rezeption vorgefertigter, medial vermittelter
Wahrnehmungen, die uns mittels einer Flut von statischen und bewegten Bildern
täglich durch die technischen Medien vor Augen gestellt werden. Die
globale Sicht der Welt etwa aus dem Weltraum, der Makroblick hinein in
die Oberfläche unserer gegenständlichen Welt, der Röntgenblick
durch die Dinge hindurch, das mit der Schere montierte Raum-Zeitgefühl
des Films oder das von der Fernbedienung des Fernsehers gesteuerte Collagemuster
von Video hat unsere Raumwahrnehmung genauso verändert, wie etwa das
tägliche Erlebnis der Geschwindigkeit in der Fortbewegung durch unsere
Welt.
Über den Umweg der Computersimulation und der 3-D Animation finden einige "Experten" in der Oberstufe des Gymnasiums allerdings wieder zur Perspektive zurück mit ganz erstaunlichen Leistungen in diesem Bereich. Oben eine Einstellung aus dem Video "Katharsis". Der Raum ist in einem 3-D Programm konstruiert, die Figuren wurden alle im Zeichensaal vor einer blauen Wand aufgenommen, im Computer freigestellt und als Animationen in die Szene eingesetzt. Die Kamera des 3-D Programms erlaubt nun eine simulierte Fahrt durch die gesamte Halle hindurch, und wenn eine Figur im Weg steht, auch durch diese hindurch. (Freie Arbeit in einer Arbeitsgemeinschaft Video&Computer) |
| Vom Ende der sinnlichen Einheit von Raum und Zeit |
| Was bedeutet Orientierung im Raum heute etwa für den, der
sich im Flugzeug über den Wolken bewegt, oder im Auto durch
den
Stadtverkehr. Welch ein Videoclip läuft da vor den Augen eines Säuglings
ab, der in 8 Stunden auf dem Rücksitz eines Autos von Milbertshofen
nach Rimini fortbewegt wird. Wo soll sich da das Erlebnis eines Augpunkts
zum darstellbaren Prinzip einer räumlichen Ordnung verfestigen?
Reinhold Hohl vergleicht in einem Aufsatz über Picassos Kubismus diesen mit der Beschilderung und Bewegung im modernen Straßenverkehr, "wo man etwa nach links abbiegen muß, wenn man (über Schleifen und Brücken) nach rechts gelangen will, und wo man nach vorn(in den Spiegel) schaut, um zu sehen, was hinten ist." Jedes Kind wächst heute mit dem Fernsehen auf und hält es für die selbstverständlichste Sache der Welt, mit den Augen der Olympiade in Australien beizuwohnen, mit den Ohren Bayern 3 zu hören, während es mit der Familie beim Abendessen sitzt. Raum und Zeit bilden für uns nur noch im Ausnahmefall eine sinnlich wahrnehmbare Einheit. War das perspektivische Bild in der Renaissance noch als Fenster (Alberti), Durchblick, also immateriell definiert, auf einen immateriellen, zum Augpunkt reduzierten Betrachter zugeschnitten, so beziehen die technischen Medien zunehmend wieder eine taktile Dimension in die Wahrnehmung von Bildern ein (Derrick de Kerckhove: "Touch Versus Vision"). Die Möglichkeit, den Fluß der Bilder durch die Fernbedienung zu steuern, sich im simulierten Raum interaktiv zu bewegen, wirft ein neues Licht auf die Behauptung Marshal McLuhans aus den 60er Jahren, das Fernsehen sei ein taktiles Medium ( The Medium ist the Me(a)ssage ). Fernbedienung, Touchscreen Computermaus und Datenhandschuh stehen am Beginn einer neuen, abstraktifizierten aber taktilen Wahrnehmung der Veränderbarkeit von perspektivischem Bild und simuliertem Raum. Auf eigenartige Weise feiert das in der Kunst totgesagte, nach den Gesetzen der Zentralperspektive und Beleuchtungsperspektive simulierte Raumbild fröhliche Urstände in der modernsten Verlängerung unseres sinnlichen Wahrnehmungsapparats, dem Computer. |
| Wolfgang Kehr: (Zitiert aus einem Arbeitspapier)
Definition von Begriffen zur „Perspektive" für den kunstpädagogischen Gebrauch Wer sich heute mit der kunsthistorischen und kunstpädagogischen
Literatur zur „Perspektive" auseinandersetzt, stößt oft auf
eine unterschiedliche Verwendung der damit in Zusammenhang stehenden Begrifflichkeiten.
Die Diskrepanzen erklären sich nur zum Teil aus der Tatsache, daß
die Termini zur „Perspektive" außer in der bildenden Kunst auch in
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Literaturhinweise
| Katalog Picasso 1981 Haus der Kunst München,
Reinhold Hohl, "Picassos Kubismus", S. 69 "Die Entwicklung des räumlichen Denkens beim Kinde",
"Die Kinderzeichnung", Hans-Günter Richter,
"Touch Versus Vision: Ästhetik neuer Technologien"
Derrick de Kerckhove in:
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